Zu zweit und doch allein

November 30, 2019 6:00 am

Im April 2019 starb Jürg Willi, der wohl bekannteste Schweizer Paartherapeut. Er war Psychoanalytiker, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut, ein sehr einfühlsamer und aufmerksamer Beobachter. In einem Interview hat Jürg Willi in ganz wenigen Sätzen einen wichtigen Aspekt in der Dynamik des sich Verliebens beschrieben und gleichzeitig eine der größten Fehlannahmen auf den Punkt gebracht:


„Wie es anfängt, ist meistens klar: Man verliebt sich, man schwebt im siebten Himmel, man vergisst sich selbst. Man hat für eine gewisse Zeit das Gefühl, doch nicht allein auf der Welt zu sein, man fühlt sich verstanden, aufgehoben. Irgendwann ist diese Phase vorbei, und man merkt: So ist es ja doch nicht. Die Enttäuschungsphase. Man rückt wieder voneinander ab, und das ist vielleicht die wichtigste Phase in einer Beziehung überhaupt. Jeder formuliert, wer er ist. Man akzeptiert die Unterschiede, wenn es gutgeht, liebt man sie sogar, zumindest zeitweise. Sicher ist das der Grund, warum über jeder Beziehung eine gewisse Tragik liegt, weil man eben nie ganz zueinander passt und man in der Liebe immer auch allein ist. Zwei Menschen sind und bleiben zwei verschiedene Menschen, das zu akzeptieren fällt vielen schwer. Wer sich aber vor dieser Erkenntnis drückt, wird scheitern.“

Quelle: Interview für den Tagesspiegel


Wow!
Diese Worte sind so stark, dass ich an dieser Stelle gar nichts mehr hinzuschreiben werde. Anbei jedoch ein paar Gedanken zum Nachsinnen für dich:

Erinnerst du dich, als du dich zuletzt verliebt hast? Wie hast du die „Enttäuschungsphase“ überwunden?
Welche Unterschiede hast du lieben gelernt und mit welchen haderst du von Zeit zu Zeit?

Wie gehst du mit dem Gedanken um, dass man „in der Liebe immer auch alleine ist“?
Wie gut oder weniger gut kannst du das akzeptieren?

Wie könntest du mit deinem Partner/deiner Partnerin wertschätzend über eure Unterschiede sprechen?



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