Wer Schmetterlinge lachen hört …

August 13, 2017 12:12 am

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken …

Wenn ich in diesen Tagen im Garten sitze und bestaune, wie die Schmetterlinge um den blühenden Sommerflieder tanzen und ich dann ganz still bin, glaube ich manchmal wirklich, ich höre die Schmetterlinge lachen.

 

Schmetterlinge stehen in vielen Kulturen als ein Zeichen der Verwandlung, Überwindung des Todes und Lebensfreude. Ob sich der Schmetterling daran erinnert, dass vor gar nicht allzu langer Zeit, er eine kleine, träge, haarige oder vielleicht sogar stachelige Raupe war? Von Natur aus dazu bestimmt, anmutig aber doch langsam und beschwerlich auf der Erde entlang zu kriechen und mühsam an Bäumen und Sträuchern hochzuklettern um saftige Nahrung zu erreichen.

Ob die Raupe, wenn ihre Zeit gekommen ist, wohl genauso ängstlich und traurig von ihrem geliebten Raupenleben Abschied nimmt, wie auch wir Menschen oft voller Angst und Ungewissheit unseren eigenen Tod fürchten? Oder hat diese kleine Raupe eine leise Ahnung davon, dass wenn sie ihre Existenz als Raupe aufgibt, etwas ganz Neues, Wunderbares beginnt? Hat auch die kleinste unscheinbare Raupe schon ein inneres Wissen davon, wie es sein wird, ganz leicht und anmutig durch die Lüfte zu flattern und von Blütenkelch zu Blütenkelch zu schweben?

Ich weiß es nicht. Aber vielleicht steckt in diesem Lachen der Schmetterlinge, das ich manchmal zu vernehmen glaube, ein Kichern und ein nachsichtiges Lachen über sich selbst. „Ja, ich liebte mein Leben als Raupe!“, mag sich lachend manch Schmetterling denken. „Doch hätte ich vorher gewusst, dass ich eines Tages als wunderschöner Schmetterling wiedergeboren werde, wie vieles hätte ich in meinem Raupenleben sehr viel leichter genommen?“.

Wenn ich so im Garten sitze und die Augen schließe, dann wünsche ich mir von Herzen, hinter dem Lachen der Schmetterlinge auch das Lachen all der Menschen zu hören, die vor mir gegangen sind. Ich lausche nach ihrem Lachen aus längst vergangenen Zeiten und ihrer Botschaft von der anderen Seite: „Alles wird gut!“.

 

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Tier, zum Narr, zum Weisen,
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.

Er weiß, dass er nichts weiß,
wie alle andern auch nichts wissen,
nur weiß er was die anderen
und er noch lernen müssen.

Wer in sich fremde Ufer spürt,
und Mut hat sich zu recken,
der wird allmählich ungestört,
von Furcht sich selbst entdecken.

Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt,
nimmt er gelassen auf.

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben,
und ist selbst dann lebendiger,
als alle seine Erben.

(Novalis, Text von Carlo Karges, 1973)

 

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