Von den Kindern

Mai 5, 2018 10:48 am

 

Heute stelle ich dir ein wunderbares Stück Lyrik vor, das mich schon seit vielen Jahrzehnten begleitet. Vielleicht kennst du es bereits und hast den Impuls an dieser Stelle weiterzuklicken.

 

Bitte gib dem Gedicht (und damit auch mir) heute nochmals eine Chance ;-)

 

Als ich erwachsen wurde und mich von meinen Eltern abgenabelt habe, war mir das Gedicht Unterstützung bei meinem Bedürfnis nach Autonomie. „Lasst mich los! Lasst mich schnell und weit fliegen!“ habe ich in meinem jugendlichen Freiheitsdrang oft innerlich gerufen.

 

Wie bei vielen anderen Dingen im Leben, sieht man sich oft zweimal.

 

Und so ist mir das Gedicht in all seiner Vehemenz wieder begegnet, als meine Kinder erwachsen wurden. Erst dann, quasi auf der anderen Seite stehend, verstand ich die Herausforderung und die Wehmut, die darin liegen.

 

Und wie bei vielen anderen Dingen im Leben, liegt auch darin eine Chance.

 

 

Von den Kindern

Khalil Gibran*
(* 06.01.1883, † 10.04.1931)

 

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

Kinder gehören ihren Eltern nicht. Sie gehören der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Kinder sind niemandem verpflichtet, nur sich selbst.

 

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.

So sehr wir unsere Kinder auch lieben, ihre Seelen leben in der Welt von morgen. Sie können uns besuchen, doch wir sie nicht.

 

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts
noch verweilt es im Gestern.

Es schmeichelt, wenn unsere Kinder uns ähnlich sein möchten. Der Versuch, sie uns ähnlich zu machen allerdings, dient unserem Ego nicht unseren Kindern.

 

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt eure Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Es ist dem Pfeil bestimmt, dass er so kraftvoll wie möglich den Bogen verlässt. Es tröstet mich, dass meine Eltern einst Pfeile waren und meine Kinder vielleicht einst Bögen werden. Wir alle, auf dem Pfad der Unendlichkeit …

 

 

* Khalil Gibran wurde nur 48 Jahre alt. Er war nie verheiratet und hatte keine Kinder. „Von den Kindern“ entstammt dem Buch „Der Prophet“, das in englischer Sprache verfasst und im Jahr 1923 veröffentlicht wurde. Gibran war zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt. Die englische Originalfassung von „On Children“ findest du hier.
 

 
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