Heile, heile Segen …

Juli 22, 2017 7:54 am

Heile, heile Segen,
sieben Tage Regen,
sieben Tage Sonnenschein,
wird bald wieder besser sein.

Heile, heile Segen,
sieben Tage Regen,
sieben Tage Schnee,
tut schon nicht mehr weh.

Wer kennt sie nicht? Kleine Reime aus der Kinderzeit, die uns Eltern oder Großeltern vorgesagt haben, wenn wir hingefallen sind, uns gestoßen oder verletzt haben. Heile, heile Segen … fest im Arm gehalten, voller Aufmerksamkeit, gestreichelt und getröstet und das Versprechen: Es wird bald wieder besser sein! Dann gab es eine Kuss auf die verletzte Stelle, ein paar Streicheleinheiten, ein buntes Pflaster oder auch mal einen dicken Verband. Sollen es ruhig alle sehen: Da ist etwas Schlimmes passiert, das will gesehen werden, braucht Aufmerksamkeit und Zuwendung und vor allem: Zeit.

Heute sind wir groß, die Verletzungen häufiger seelisch als körperlich, doch nicht minder selten. Im Gegenteil. Doch was ist geworden aus den kleinen Heilungsritualen und noch viel mehr der Ernsthaftigkeit, die den kleinen und großen Verletzungen des Lebens entgegengebracht wurde? Ich will das wieder haben! Dass mich jemand in den Arm nimmt und sagt: Das ist jetzt wirklich schlimm. Ich halte dich fest und dann wird es bald wieder besser sein.

Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn ich selbst damit anfinge. Wenn ich aufhörte, den späteren Stimmen meiner Kindheit zu glauben: Stell dich nicht so an! So schlimm ist das doch gar nicht! Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn ich damit anfinge, mich selbst mit all meinen kleinen und großen Verletzungen ernst zu nehmen und mir selbst ab und zu einmal zu sagen: Das ist jetzt wirklich schlimm, ich schenke mir Aufmerksamkeit und Zuwendung und vor allem: Zeit.

Habe ich mich am Verhalten oder den Worten eines anderen geschnitten? Bin ich gestolpert und hingefallen? Nein, ich werde nicht mein imaginäres Krönchen richten, die Tränen herunterschlucken, aufstehen und tapfer weitergehen. Ich werde mir Aufmerksamkeit schenken, meinen Schmerz ernst nehmen und mich selbst trösten. Das hat nichts damit zu tun, mich zu bemitleiden oder das Ganze größer zu machen als es ist. Ich mache es nicht größer. Und auch nicht kleiner. So wie es ist, darf es sein. Ich verleugne und übergehe es nicht. Ich schenke mir selbst Zuwendung. Heile, heile Segen …

Nimm diesen Reim aus deiner Kinderzeit mit in die nächsten Tage für den Fall, dass du dich an einer Ecke oder Kante des Lebens verletzt. Nimm dir Zeit, halte inne, tröste dich. Heile, heile Segen ….

 

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