Ess-Störungen und Weihnachten

Dezember 9, 2017 9:04 pm

Mitten zwischen Weihnachtsstollen, Lebkuchen, Plätzchen und Gänsebraten ein Blogbeitrag über Ess-Störungen?

Will das überhaupt jemand lesen?

 

In der Advents- und Weihnachtszeit wird viel gegessen und vor allem viel in Gemeinschaft gegessen. Für Menschen, die an einer Ess-Störung erkrankt sind, kann das den Druck und den Stresslevel immens erhöhen. Daher ist es vielleicht genau die richtige Zeit, um hier über Ess-Störungen zu schreiben.

Ess-Störungen sind vielfältig und weit verbreitet. Unter Erwachsenen ebenso, wie unter Jugendlichen und Heranwachsenden. Ich werde an dieser Stelle keine Statistiken bemühen, denn die Zahlen variieren, sind nie jahresaktuell und die Dunkelziffer ist bei psychischen Erkrankungen wie dieser, erfahrungsgemäß sehr hoch. Fakt ist, Ess-Störungen sind häufig. Häufiger, als wir sie erkennen oder vermuten. Die Erkrankungszahlen steigen stetig an, dabei sinkt der Altersdurchschnitt der Patienten/Patientinnen rapide.

Diagnosekriterien bemühen sich die Krankheitsbilder zu beschreiben und darzustellen. Ess-Störungen zeigten sich jedoch in individuellen Ausprägungen, die selten einer Norm entsprechen. Dazu kommt: nicht nur wir Menschen verändern uns. Mit uns verändern sich auch unsere Krankheiten bzw. die Art, wie wir krank sind. Deshalb ist eine klare Diagnose und Abgrenzung zwischen Ausprägungen von Anorexie, Bulimie, Brechsucht usw. oft schwierig.

Der Leidensdruck durch diese Erkrankung ist immens hoch – für die Betroffenen selbst und für das Umfeld wie Familie oder Partner/Freunde. Deshalb ist es wichtig, auch den Lebensumkreis der Erkrankten in die Therapie mit einzubeziehen.

Wie also Ess-Störungen behandeln? Ambulant, vollstationär, teilstationär, verhaltenstherapeutisch, tiefenpsychologisch, evidenzbasiert, systemisch …

 

Hier ein paar Gedanken aus der Systemischen Kurztherapie (nach Giorgio Nardone und Paul Watzlawick)?

Welche „Funktion“ hat die Erkrankung für den Patienten bzw. sein System  (z.B. im Hinblick auf Themen wie Kontrolle, Gefühle, Schutzbedürfnis oder die Familiensituation)?

Welchen „Nutzen“ (z.B. sekundären Krankheitsgewinn) erfährt der Patient durch die Erkrankung?

Wie trägt das Umfeld (z.B. Familie, Partner) unbewusst und ungewollt dazu bei, das dysfunktionale System der Erkrankung aufrechtzuerhalten?

Was kann/muss als Erstes„weggelassen“ werden, damit im dysfunktionalen System der Erkrankung eine wahrnehmbare Veränderung möglich ist?

 

Ist das erlaubt? Im Kontext einer psychischen Erkrankung von Funktion, Nutzen und einem Beitrag der Familie/Partner zu sprechen? Ja! Denn es geht hier nicht um Schuldzuweisungen! Es geht auch nicht darum, zu verstehen, wie die Krankheit entstanden ist. Sondern wodurch das aktuell dysfunktionale System Tag für Tag noch aufrecht erhalten wird. Nur dann ist es möglich, zielgenau mit durchdachten Interventionen dort den Hebel anzusetzen, wo dieser auch wirklich greifen kann.

Therapie kann von den Betroffenen selbst oder auch von Angehörigen begonnen werden. Wer den ersten Schritt geht, ist nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, zu gehen.

 

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