Elternliebe – Kinderliebe

Februar 10, 2018 12:27 pm

 

Über die Mutter- und Vaterliebe schrieb der Psychiater und Gestalttherapeut Jorge Bucay: Eltern hegen für ihre Kinder das Gefühl bedingungsloser Zugehörigkeit. Die Kinder tun dies aber keineswegs für ihre Eltern. … Es ist kein Verdienst, seine Kinder zu lieben; sie hingegen müssen sich ganz schön anstrengen, um uns zu lieben … Sie müssen ein Stück von sich entdecken, das sie auf uns projizieren können … und sich damit identifizieren … und schließlich diese Identifikation in Liebe umwandeln. Dann werden sie uns lieben (oder auch nicht), je nachdem, wie es ihnen in dieser Beziehung ergangen ist.

Das ist nicht so einfach zu verstehen und anzunehmen. Bucay schreibt weiter: Wenn ein Kind geboren wird, empfinden wir dieses Ereignis buchstäblich als eine Erweiterung unserer selbst, obwohl dieses Kind doch ein eigenständiges Wesen ist. Meine Kinder sind ein Teil von mir, und deshalb liebe ich sie bedingungslos. Umgekehrt gilt das aber nicht. Umgekehrt erleben Kinder ihre Eltern jedoch nicht als Erweiterung ihrer selbst, und das sind sie auch nicht.

Viele Eltern wünschen sich, ja erwarten, dass ihre erwachsenen Kinder sie zumindest annähernd so „zurücklieben“, wie sie selbst ihre Kinder lieben. Je mehr sich Kinder also mit ihren Eltern identifizieren können, umso mehr wächst mit dieser Identifikation die Liebe der Kinder zu den Eltern. Je weniger sich die Kinder mit ihren Eltern identifizieren können, desto schwieriger ist es, über die familiäre Verbundenheit hinaus, Liebe zu entwickeln.

Wir Eltern müssen uns also ganz schon ins Zeug legen, ihnen Projektionsfläche anbieten und uns um die Liebe unserer Kinder bemühen. Ganz schön unfair auf den ersten Blick! Wo wir unseren Kindern doch „alles“ gegeben haben. Aber ganz ehrlich: Sie haben sich nicht für uns entschieden, wir haben uns für sie entschieden. Also gehen wir mit unserer Liebe sozusagen in Vorlage.

Werden unsere Kinder einmal bedingungslos lieben? Ja. Ihre Kinder. Elternliebe beruht auf aufgeschobener oder verschobener Gegenseitigkeit: sie kommt erst in der nächsten Generation zum Ausgleich. Unsere Kinder werden ihre Kinder bedingungslos lieben und sich wiederum um die Liebe ihrer eigenen Kinder erst bemühen müssen.

Wie würdest du die Liebe zu deinen Kindern und/oder deinen Eltern beschreiben? Starker Tobak oder kluge Worte von Jorge Bucay?

 

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